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Fachforum an der FSP2 im November 2013

FACHFORUM AN DER FSP2 IM NOVEMBER 2013

KINDER SCHÜTZEN – PROFIS STÄRKEN

Sexueller Missbrauch in Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe

Artikel Fachforum 2013

Der (sexuelle) Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in professionellen Einrichtungen hat in den letzten Jahren für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit gesorgt. Träger und Einrichtungen sind im Prozess der Entwicklung von Standards zur besseren Prävention bzw. realisieren entsprechende Schutzkonzepte bereits. Eltern schauen genauer hin und Profis geraten mitunter schnell unter Verdacht. Vor Ort, in den einzelnen Einrichtungen, findet die Auseinandersetzung um die unmittelbare Möglichkeit von sexuellem Missbrauch oftmals auf der Basis von hoher Emotionalität und Betroffenheit, weniger aber auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und methodischer Fragen statt. Das Wissen um Missbrauch in Institutionen und der pädagogische Schutzauftrag sind unstrittig, stellt die Profis aber vor Fragen, die im unmittelbaren Zusammenhang mit der individuellen Struktur ihres Arbeitsplatzes und des Teams, in das sie eingebunden sind, stehen. „Wie verhält es sich mit der Beteiligung der Geschlechter bei Missbrauchshandlungen?“ „Wie reagiere ich auf Bekundungen des Elternwillens, keine, aber auch wirklich keine Männer mehr in der Krippe zu beschäftigen, in der ihr Kind aufgenommen wird?“ „Was ist in meinem Arbeitsalltag überhaupt noch unbedenklich, was sollte ich vermeiden?“ Last but not least die eine große Frage: „Wie kann ich als Pädagogin, als Pädagoge mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen dafür garantieren (!), dass in unserer Institution kein Missbrauch stattfindet?“
Am 08.11.2013 lud die Fachschule für Sozialpädagogik 2 in Hamburg-Altona zu einem Fachforum zum Thema Machtmissbrauchein. Die Einladung erging an die Hamburger, Niedersächsischen, Schleswig-Holsteinischen und Mecklenburg-Vorpommerschen Fachschulen für Sozialpädagogik bzw. an die Fachakademien. Gleichermaßen lud die FSP2 die mit der Schule kooperierenden Praxisausbildungsstellen der Schule ein. Als Referentinnen und Referenten konnten Carmen Kerger-Ladleif (Diplom-Pädagogin, Freiberufliche Referentin, Fachberaterin und Supervisorin), Clemens Fobian (basis praevent, Basis & Woge e.V.), Ralf Lange (Koordinationsstelle des Hamburger Netzwerkes ‚MEHR Männer in Kitas’ beim PARITÄTISCHEN Hamburg) und Frank Tofern (Leiter der Kindertagesstätte Gerritstraße, Praxisausbildungsstätte der FSP2) gewonnen werden. Thomas Schulze moderierte die Veranstaltung und führte das Publikum, wie auch die Podiumsteilnehmerinnen und –teilnehmer souverän durch das Programm.

DIE VORTRÄGE

Nach einer Begrüßung durch die Schulleiterin und einer Einstimmung des Abteilungsleiters für Zusammenarbeit von Schule und Praxis eröffnete Clemens Fobian unter der Fragestellung „Profis unter Verdacht?“ – Fakten und Diskurse zum Thema die Veranstaltung. Nach einer definitorischen Einlassung zu den Begriffen „Sexueller Missbrauch“, „Sexuelle Gewalt“, „Sexuelle Übergriffe“ und „Sexualisierte Gewalt“ veranschaulichte er umfassend und sachkundig empirisches Zahlenmaterial zum Thema. Herr Fobian unterschied in seinen Ausführungen zwischen „Dunkelfeld“ und „Hellfeld“ und relativierte u.a. das Geschlechterverhältnis in den Täterschaften. Er bestätigte einerseits, dass sexuelle Übergriffe weit überwiegend von Männern ausgehen, führe aber andererseits an, dass eine US-Amerikanische Untersuchung von 1988 eine nennenswerte Anzahl übergriffiger Täterinnen identifiziert. Herr Fobian benannte in diesem Zusammenhang einen hohen Forschungsbedarf und mahnte belastbares Zahlenmaterial, auch im europäischen Kontext an.

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In seinem Schwerpunkt referierte Herr Fobian einen konzentrierten Überblick über Erkenntnisse zu Tat- und Täterstrategien. Er stellte den „Groomingprozess“ als einen Annäherungsprozess von Tätern an Ihre Opfer dar und wies dabei auf Möglichkeiten hin, durch Kenntnis des Groomingprozesses, diesem gezielt entgegenzuwirken. Darauf aufbauend ging er auf die Folgen sexueller Gewalt ein und zeigte Notwendigkeiten für die Begleitung von Opfern auf. Er machte deutlich, dass pädagogische Institutionen neben der Pflicht zur Unterstützung von selbstbewussten, auch Nein-sagenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine Pflicht zur Schaffung von Strukturen haben, die Täterhandeln unmöglich machen.

Rolf Lange stellte zunächst die Arbeit des Hamburger Netzwerkes „MEHR Männer in Kitas“ vor um dann konterkarierende Aspekte einer geschlechterbezogenen Auseinandersetzung mit dem Thema darzulegen. Er zeigte ihre verunsichernde Wirkung entlang von Äußerungen von pädagogischen Profis wie auch von Schülerinnen und Schülern in der Ausbildung auf. In diesem Zusammenhang begründete er die Bedeutung von Schutzkonzepten für pädagogische Einrichtungen, die neben dem Schutz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auch den Schutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor pauschalen Verdächtigungen fokussieren. Mit den Handreichungen des Netzwerkes, jeweils für Eltern und für Kita-Fachkräfte, „Kitas – ein sicherer Ort für Mädchen, Jungen und Fachkräfte“, legte er zwei praxisbezogene Dokumente für eine sach- und zielorientierte Auseinandersetzung vor. Herr Lange bezog mit einer Auswahl von Reflexionsfragen zur Bearbeitung und Diskussion die Zuhörerschaft lebendig ein und bekräftigte in seinem Fazit das Ziel, zu einer nicht-pauschalierenden, schützenden und vielfältigen Bildungslandschaft, insbesondere im Bereich für unter 6-jährige Kinder, beizutragen.

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Frank Tofern stellte daran anschließend dem Publikum seine Erfahrungen als Einrichtungsleiter mit dem Verdacht auf Missbrauch eines Kindes durch einen Mitarbeiter vor. Er beschrieb aus seinem Einrichtungsalltag heraus sein subjektives Erleben, seine Fragen und Verunsicherungen, wie auch seine Entscheidungen und Handlung für einen einerseits aufdeckenden, andererseits seinen Mitarbeiter vor einer Vorverurteilung schützenden Umgang mit dem Verdacht. Entlang dieser Darstellung machte Herr Tofern durchgängig seine Erkenntnis deutlich, „solche Fälle“ offen und ehrlich zu kommunizieren und in vergleichsweisen Positionen wie auch in pädagogischen Teams eine professionelle Haltung und einen Umgang untereinander zu etablieren, durch die und mit der sich Verdachtsmomente möglichst sofort aufklären lassen. Die notwendige Auseinandersetzung im Team, die auch kleinschrittige Formulierung der zu wahrenden Grenzen, bezeichnet er als Herausforderung an alle Beteiligten. Herr Tofern betont, dass es sowohl einen Schutz für die Kinder durch die Pädagogischen Mitarbeiter geben muss, als auch einen Schutz, der Kinder in ihrer Fähigkeit sich zu verweigern und als selbstbewusste Persönlichkeiten stärkt.
Abschließend entfaltete Carmen Kerger-Ladleif ihr Konzept von einem achtsamen Umgang pädagogischer Teams miteinander, mit dem sich in Gegenseitigkeit die Teammitglieder vor ungerechtfertigten Verdachtsmomenten schützen und gleichzeitig ihren pädagogischen Schutzauftrag erfolgreich wahrnehmen. Tragende Elemente des achtsamen Umgangs in pädagogischen Teams sind Geschlechterneutralität und eine Kommunikationskultur die Missbrauchsgefahren durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter thematisiert. Frau Kerger-Ladleif betonte, dass ein entsprechendes Schutzkonzept der Einrichtung auf Erkenntnissen über Täterverhalten basieren muss, um Arbeitsabläufe und Kommunikationsstrukturen so zu gestalten, dass Missbrauchshandeln keinen Raum finden kann. Dieser Prozess verlange Offenheit, Gesprächsbereitschaft und eine klar formulierte, der (Einrichtungs-) Öffentlichkeit zugängliche Position zu Machtmissbrauch in Institutionen. Der Vortrag von Frau Kerger-Ladleif bestach durch eine Fülle von Praxisbeispielen und war mit vielfältigen Beispielen ihrer Zusammenarbeit mit pädagogischen Institutionen untermauert, die sie in Ihrer Arbeit als Fachberaterin und Supervisorin begleitet hat, Schutzkonzepte zu entwickeln und im pädagogischen Alltag zu realisieren.

DAS FORUM

In einer abschließenden Podiumsdiskussion bekräftigten die Vortragenden die Notwendigkeit einer Geschlechterneutralität in der Fachdiskussion und stärkten damit die aus dem Publikum vorgetragene These, dass die Verhinderung der Mitarbeit von Männern in vermeintlich besonders sensiblen Bereichen kontraproduktiv ist. Die (Weiter-) Beschäftigung von Männern in allen Bereichen der Pädagogik verlange auch eine klare Position von den Leitungsgremien der Institutionen, eine gleichmäßige Verteilung der Geschlechter sei weiterhin das Ziel der Qualitätsentwicklung. In diesem Zusammenhang wurde mehrfach die hohe Bedeutung die Zusammenarbeit der Institutionen mit den Eltern ihrer Klientel betont.
Die Frage nach der Integration des Themas „Machtmissbrauch in Institutionen“ in die Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen war im abschließenden Forum letztlich keine Frage nach dem „ob“ sondern nach dem „wie“. Der Vertreter der FSP2 konnte hier Auskunft geben über ihm punktuell bekannte Ausbildungsinhalte, die von Kolleginnen und Kollegen zum Thema in den Unterricht einfließen und stellte sein Engagement, hier für eine feste Verankerung im aktuellen Curriculumsprozess der FSP2 zu sorgen, heraus. Schutzkonzepte in Kitas, der achtsame Umgang miteinander, die Rollen von Frauen und Männern in pädagogischen (Alltags-) Prozessen, Kommunikationsprozesse in Institutionen, Handlungsmuster von Missbrauchenden, Zusammenarbeit mit Eltern und Sorgeberechtigten können und sollen hier für alle Klassen in einen sach- und fachgerechten Zusammenhang gestellt werden. Die Anwesenden Schülerinnen und Schüler signalisierten dazu nachdrücklich ihren Wunsch und ihre Bereitschaft, sich dieser Facette ihres Bildungsprozesses als regelhaftem Inhalt auseinanderzusetzen.

  • Aigner, Josef u.a. (2012:) Elementar – Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern
  • BMFSF Hrsg. (2010): Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten
  • Kerger-Ladleif, Carmen (2012): Kinder beschützen! Sexueller Missbrauch – Eine Orientierung für Mütter und Väter
  • Stamer-Brandt, Petra und Tofern, Frank (2013): Leitungswissen Kita – entdecken und entwickeln – führen und fördern – managen und verwalten.
  • Der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Hamburg e. V., Hamburger Netzwerk ,MEHR Männer in Kitas‘ (2013): Sicherer Ort- Informationen für Fachkräfte*
  • Der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Hamburg e. V., Hamburger Netzwerk ,MEHR Männer in Kitas‘ (2013): Sicherer Ort- Informationen für Eltern*
  • http://basis-praevent.de 
  • http://www.koordination-maennerinkitas.de

*beide Broschüren unter http://www.vielfalt-mann.de/deine-infos/kita-eltern-co/unsere-publikationen/

Staatliche Fachschule für Sozialpädagogik 2 in Hamburg-Altona